

Ihr seht, ich lese auch “richtige” Literatur. Auf Die Kreutzersonate von Tolstoi bin ich gekommen, weil im Literaturclub die Retourkutsche Eine Frage der Schuld von Tolstois Frau besprochen wurde.
Das Buch spielt während einer Zugsfahrt, in der ein Reisender, Posdnyschow, seine Lebensgeschichte erzählt. Er hat seine Frau umgebracht, weil sie ihn betrogen hat. Zumindest vermutet er das.
Wenn sie nichts getan hat, aber tun will—und ich weiss, dass sie will—, umso schlimmer, es wäre schon besser, sie hätte es getan, und ich wüsste es, damit nur die Ungewissheit nicht wäre.
Man erkennt hier schon, wie sehr es sich in seine Eifersucht hineinsteigert und am Schluss gar nicht mehr anders kann als eine Dienstreise frühzeitig abzubrechen, nach Hause zu kehren, und seine Frau zu ermorden, die ihn allem Anschein nach wirklich betrügen wollte (oder schon hat, das ist wohl Ansichtssache, “wer eine Frau [das gilt wohl auch umgekehrt] begehrlich ansieht hat schon die Ehe gebrochen”).
Neben der Erzählung der Geschichte erfährt man sehr viele interessante Ansichten über die Liebe und die Ehe, manche Gedanken scheinen schlüssig zu sein, andere völlig übertrieben. Beispielsweise nimmt er die früher gängige Praxis des Vermittelns von Ehepartnern durch die Eltern in Schutz gegenüber der freien Wahl des Ehepartners:
Hat man gefunden, dass das Vermitteln erniedrigend ist, so ist der heutige Zustand noch tausendmal schlimmer. Dort sind die Rechte und die Aussichten gleich, hier ist die Frau eine Sklavin, die ausgeboten wird, oder die Lockspeise in der Falle. [..] Und alles beherrscht der eine Gedanke »Nimm mich, mich, meine Lilli! Nein, mich! [..]«.
Interessant, oder? Wikipedia kann auch noch mit einigen interessanten Interpretation aufwarten.
Das Buch selbst ist nicht besonder dick (130 Seiten), wer noch weniger Zeit hat, kann meiner Meinung nach auch nur die ersten 40-50 Seiten lesen, danach handelt es vor allem noch von Posdnyschows Geschichte.
Am Anfang ziemlich gestört hat mich das fehlen jeglicher Anführungs- und Schlusszeichen (erst verschachtelte Reden werden ausgezeichnet), aber mit der Zeit gewöhnt man sich erstaunlich gut daran.
Und nun bin ich gespannt auf das Buch seiner Frau.